KI-Suche wird reguliert, Vertrauen bleibt unbesetzt

KI-Suche wird zur regulierten Infrastruktur, ihre Sichtbarkeit wird messbar, und der Markt beginnt, offen über die Person hinter dem Wissen zu sprechen. Was vor einem Jahr noch Zukunftsmusik war, ist diese Woche Regulierung, Produktentscheidung und Konferenzprogramm. Sichtbarkeit lässt sich jetzt ein- und ausschalten. Vertrauen jedoch nicht.


Business Creator wird zur verhandelten Wertschöpfungskette

Die IFA Berlin hat vom 4. bis 8. September einen eigenen Creator Hub und eine Creator Stage in ihre Technologie- und Handelsmesse integriert, mit Zugang zu den Media Days, an denen Marken ihre Neuheiten präsentieren. In der kommenden Woche, vom 14. bis 18. September, folgt mit der ersten globalen IAB Creator Week die nächste Institutionalisierung. Der BVDW bringt in Berlin Marke, Agentur, Management und Plattform an einen Tisch, weil Creator-Kooperationen nach eigener Einordnung seltener am Budget scheitern als an unklaren Rollen und Silos zwischen den Beteiligten.

Ein Konferenzprogramm beweist weder steigende Budgets noch neue Geschäftsmodelle. Es zeigt aber, welche Fragen Marken, Verbände und Plattformen inzwischen institutionalisieren. Creator sind nicht mehr nur Werbefläche. Sie werden bereits strategischer Bestandteil von Produktinszenierung, Medienarbeit, Distribution und Conversion.

Der etablierte Markt denkt weiterhin vom Creator Marketing aus: Wie setzen Unternehmen Creator effizienter ein? Unsere These dreht die Perspektive um: Wie bauen Expert:innen, Gründer:innen und Unternehmen selbst creator-getriebene Geschäftsmodelle, eigene IP und direkte Zielgruppenbeziehungen auf? Genau diese Lücke ist strategisch interessanter als ein weiteres Influencer-Marketing-Event.


Gen Z wird zur nächsten B2B-Entscheidergeneration

89 Prozent der befragten B2B-Marketer sehen jüngere Entscheidungsträger als entscheidend für künftiges Wachstum. 42 Prozent halten Content von Mitarbeitenden, Branchenexperten und Creatorn für besonders wirksam, 73 Prozent gewichten Glaubwürdigkeit inzwischen höher als reine Markensichtbarkeit. Das sind Einschätzungen der Marketer, keine Aussagen der Gen Z selbst.

B2B-Marken erreichen die nächste Entscheidergeneration zunehmend über glaubwürdige Personen und deren Expertise statt über die Marke als Absender. Das stärkt die Nachfrage nach Corporate Influencern, Executive Visibility und Business Creatorn und trifft unsesre Positionierung direkt in der Mitte.


ChatGPT gilt in der EU offiziell als große Suchmaschine

Die EU-Kommission hat ChatGPT am 31. August als Very Large Online Search Engine gemäss Digital Services Act eingestuft. Grundlage sind 159,1 Millionen durchschnittlich monatlich aktive Nutzer:innen in der EU, mehr als das Dreifache der Schwelle von 45 Millionen. OpenAI hat vier Monate Zeit, bis Januar 2027, um zusätzliche Pflichten zu erfüllen: Risikoprüfung und -minderung bei systemischen Risiken, jährliche unabhängige Audits, Datenzugang für Behörden und Forschende sowie ein öffentliches Werbearchiv.

KI-Suche ist damit rechtlich nicht mehr bloss ein Chatbot-Feature. ChatGPT wird in Europa als Informationsinfrastruktur mit vergleichbarer gesellschaftlicher Relevanz wie Google Search behandelt. Das garantiert weder transparentere Quellenlogiken noch bessere Antworten, aber der regulatorische Druck auf Empfehlungen, Werbung und Informationsvermittlung steigt.

Für uns heisst das: Unternehmen müssen zwei getrennte Fragen beantworten können. 1) Wie werden wir von KI-Systemen gefunden und eingeordnet? Und 2) warum sollten Menschen der dort sichtbaren Quelle oder Person vertrauen? GEO-Agenturen bearbeiten überwiegend die erste Frage. Die zweite ist unbesetzt, und genau dort liegt unser Feld: erkennbare Expertise, konsistente Standpunkte, überprüfbare Autorenschaft, eine relevante Person hinter dem Wissen.

"AI Visibility" allein ist strategisch zu klein. Sichtbarkeit in einer KI-Antwort lässt sich technisch erzeugen, regulatorisch verändern und durch die Quellenlage wieder verlieren. Der haltbarere Vermögenswert ist eine Autorität, die über LinkedIn, Suchmaschinen, Medien, Events und direkte Communities hinweg erkennbar bleibt.


Google macht KI-Sichtbarkeit messbar

Der neue Schalter in der Search Console, mit dem Websites über ihre Teilnahme an AI Overviews, AI Mode und AI Overviews in Discover entscheiden, ist seit dem 31. August 2026 weltweit für alle Websites ausgerollt. Parallel dazu stehen neue Daten bereit: welche Seiten in generativen Antworten erscheinen, in welchen Ländern, und wie viele Impressionen daraus entstehen. Ein Opt-out beeinflusst laut Google das klassische Suchranking nicht, entfernt eine Seite aber aus den generativen Suchfunktionen.

AI Visibility ist kein nebulöses Versprechen mehr, sondern ein beobachtbarer, weltweit aktiver Distributionskanal. Anbieter konnten bisher behaupten, eine Marke für KI-Systeme zu optimieren, ohne belastbare Messdaten vorzulegen. Diese Ausrede fällt jetzt weg.

Für uns ist das hochrelevant. Google nennt "unique, non-commodity content" selbst als Grundlage für Sichtbarkeit, fast die technische Übersetzung von Relevance Building: austauschbare Zusammenfassungen schaffen keine verteidigbare Quellenposition. Die Website darf nicht länger Verkaufsfläche und Magazinablage bleiben. Sie muss zur strukturierten Wissensbasis werden, auf der die Business-Creator-IP und die Expertise der Kund:innen dauerhaft dokumentiert sind. Social Content erzeugt Aufmerksamkeit. Eigene Medien schaffen zitierbares Eigentum.


Eine Linie durch alle vier Signale

KI-Sichtbarkeit wird reguliert, gemessen und knapper zugleich. Der Markt sucht nach Personen, denen man das noch abnehmen kann, und institutionalisiert genau das Modell, für das RAW-R schon steht. Wer diesen Monat nicht beginnt, als solche Person erkennbar zu werden, verhandelt 2027 aus der zweiten Reihe.


Sources: EU-Kommission, Search Engine Journal, Google Blog, Search Engine Land, IFA Berlin Creator Hub, IAB Global Creator Week, LinkedIn-Studie via WebWire