
Der Markt beginnt, Relevanz zu messen
Darauf haben wir lange gewartet! Es gab Zeiten, in denen "mehr posten" als Strategie durchgegangen ist. Ab heute gehört das der Vergangenheit an. Zwischen dem 17. und dem 24. August 2026 haben vier fast zeitgleiche Entwicklungen offengelegt, was lange nur eine Ahnung war: Plattformen, KI-Suchsysteme und Marketing-Infrastruktur beginnen, Austauschbarkeit aktiv abzuwerten. Nicht moralisch. Technisch.
LinkedIn macht aus "AI Slop" ein messbares Distributionsrisiko
LinkedIn hat letzte Woche eine Zahl veröffentlicht, die man zweimal lesen muss: Über eine Million Klicks auf die neue Meldefunktion für KI-Slop, seit ihrem Start Ende Juli. Chief Product Officer Hari Srinivasan bestätigte zugleich, dass als Slop klassifizierte Inhalte inzwischen 40 Prozent weniger Sichtbarkeit erhalten als noch vor wenigen Wochen. Wer gemeldet wird, bekommt künftig sogar eine private Rückmeldung dazu.
Bemerkenswert ist, was LinkedIn dabei bewusst nicht tut. Es geht nicht gegen KI-Einsatz an sich vor – die Plattform selbst baut weiter an KI-Schreibhilfen. Es geht gegen etwas Spezifischeres vor: Massenproduzierte, ununterscheidbare Inhalte ohne erkennbare Autorenschaft. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. «Wir posten mit KI mehr für euch» war ein Versprechen für 2025. 2026 ist es ein Risiko, für das es inzwischen einen eigenen Meldebutton gibt.
Was zählt, verschiebt sich damit sichtbar: Nicht die Frage, ob jemand KI nutzt, sondern ob am Ende noch eine Person erkennbar bleibt, die etwas zu sagen hat. (Quelle)
ChatGPT Ads starten in Europa – Sichtbarkeit rückt in den Entscheidungsraum
Ab dem 24. August rollt OpenAI ChatGPT Ads in 31 europäischen Märkten aus, die Schweiz eingeschlossen. Werbetreibende erhalten CPM-, CPC- und conversion-optimiertes CPC-Bidding, geografisches Targeting, eigene Zielgruppen sowie ein Pixel und eine Conversions-API für die Erfolgsmessung. OpenAI betont, Anzeigen blieben klar von den eigentlichen Antworten getrennt und hätten keinen Einfluss auf deren Inhalt.
Damit wird aus der reinen Recherche-Oberfläche eine kommerzielle Zone. Was das für Unternehmen bedeutet, liegt nicht in der Anzeige selbst, sondern in der Frage davor: Wer taucht überhaupt auf, wenn Menschen – und zunehmend KI-Systeme in ihrem Auftrag – ein Problem durchdenken und Anbieter miteinander vergleichen? Eine Anzeige kann Aufmerksamkeit kaufen. Sie kann keine Autorität ersetzen, die vorher schon erkennbar war. Genau diese Unterscheidung zwischen bezahlter Reichweite und tatsächlich zitierbarem Wissen dürfte zum eigentlichen Wettbewerbsfeld der nächsten Jahre werden. (Quelle)
Eine Schweizer Zahl, die etwas Grösseres bestätigt
Die Studie «Swiss Video Marketing Trends 2026» hat 100 Marketingverantwortliche aus der Deutschschweiz befragt. Das Ergebnis liest sich unspektakulär und ist es aber nicht: Die Budgets für digitales Marketing und Bewegtbild steigen, aber die Logik dahinter verschiebt sich. Weg von produktzentrierter Kommunikation, hin zu den tatsächlichen Fragen und Problemen der Zielgruppen. KI zieht in nahezu die gesamte Produktionskette ein. Gleichzeitig gilt menschliche Glaubwürdigkeit als der Faktor, der am Ende entscheidet.
Diese beiden Dinge gemeinsam zu denken, ist selten. Die meisten Unternehmen bauen entweder auf mehr Produktion oder auf mehr Menschlichkeit, nicht auf beides zugleich. Genau dieses Zusammenspiel beobachten wir seit Längerem in unserer eigenen Arbeit: Ein Interview, ein Livestream, ein Gespräch ist zunächst ein Moment. Erst die Übersetzung dieses Moments in Video, Audio, Social Content und auffindbares Wissen macht daraus etwas, das über den Moment hinaus Bestand hat. (Quelle)
LinkedIn verschiebt die Messlatte von Engagement zu qualifizierten Leads
Auch operativ zieht LinkedIn nach: Das August-Update der Marketing-Schnittstelle trennt künftig Marketing Qualified Leads klar von Sales Qualified Leads, ergänzt durch dynamische UTM-Parameter auf Account-Ebene und einen breiteren Zugang zur Matched-Audiences-API.
Der Subtext ist deutlicher als das Feature selbst. LinkedIn rüstet für eine Welt, in der Likes und Impressionen als Erfolgsnachweis nicht mehr genügen. Das trifft auch die Frage, die viele B2B-Unternehmen bislang ungern stellen: Welchen konkreten Beitrag leistet eine sichtbare Führungspersönlichkeit tatsächlich zu Nachfrage, zu Deal-Anbahnung, zu Account-Penetration? Wer diese Frage nicht beantworten kann, wird sie in den kommenden Quartalen zunehmend gestellt bekommen. (Quelle)
Was diese Woche eigentlich zeigt
Vier unabhängige Entwicklungen, eine gemeinsame Richtung: Volumen wird günstiger, austauschbarer und leichter erkennbar zugleich. Relevanz, im Sinne einer erkennbaren, konsistenten und nachvollziehbaren Haltung zu einem Thema, das jemandem tatsächlich wichtig ist, wird dadurch nicht weniger wichtig, sondern zum eigentlichen Differenzierungsmerkmal.
Das war keine neue These diese Woche. Es ist nur zum ersten Mal in Produktentscheidungen dreier grosser Plattformen gleichzeitig sichtbar geworden. Heureka!
