
"Die Kunst, deinen Platz zu finden" mit Jasmin Karatas
Jasmin Karatas ist Gamification-Expertin, studierte Produktgestalterin und Co-Founderin von RAW-R AGENCY und ICONICS. Bevor sie ihr Thema zum Beruf machte, war sie Analystin bei Accenture und eine der ersten Corporate Influencerinnen Deutschlands – zu einer Zeit, in der es für diese Rolle noch keinen Namen gab. In ihrer ICONICS CIRCLE Masterclass erzählt sie, warum man seinen Platz nicht findet, sondern ihn jeden Tag aufs Neue wählt.
Zwischen den Welten
Jasmin Karatas hat ihr Leben lang zwischen den Stühlen gesessen. Ihr Vater ist aus der Türkei eingewandert, ihre Mutter ist Deutsche. Sie ist zwischen arm und wohlhabend aufgewachsen, in einem Dorf mit acht Einwohnern, und wurde mit dem Taxi zur Schule gebracht – nicht aus Wohlstand, sondern weil es keinen anderen Weg gab. Sie war eine der Ersten in ihrer Familie, die überhaupt aufs Gymnasium ging, geschweige denn studierte.
Diese Herkunft erzählt sie nicht, weil sie besonders ist. Sie erzählt sie, weil das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören, vielen bekannt vorkommen dürfte. Und weil genau dieses Gefühl sie zu dem Thema geführt hat, das heute ihr Beruf ist.
Der goldene Kompass
Während ihres Studiums der Produktgestaltung stiess Jasmin auf ein Buch: Reality Is Broken von Jane McGonigal. Es ging um Gamification: Warum Spiele uns besser machen und wie sie die Welt verändern können. Sie las es und spürte etwas, das sie seither ihren goldenen Kompass nennt. Ein Gefühl von Ehrfurcht, bei dem man gleichzeitig winzig klein und riesengross ist. Wie eine Astronautin, die auf die Erde zurückblickt und denkt: Ich bin so klein. Und das hier ist grösser als alles, was ich je sein werde.
Alles, was Jasmin seither tut, folgt diesem Gefühl. Nicht der Logik. Nicht dem, was gerade Sinn ergibt. Diesem Gefühl.
Wie es anfing
Nach dem Studium stieg Jasmin bei Accenture ein – als Analystin, das kleinste Licht in der Hierarchie. Aber sie hatte ein paar Talente: Sie konnte zeichnen, war eloquent, und begann schon sehr früh, Gamification in ihre Arbeit einzubauen. Sie visualisierte, was in Meetings besprochen wurde. Die Entscheider:innen im Unternehmen fanden das gut, und plötzlich kannte jeder ihren Namen.
Für das, was sie tat, gab es damals noch keinen Namen. Heute nennt man es Corporate Influencer. Dazwischen hiess es Employer Branding. Sie nahm die Chancen, die kamen: Die grosse Bühne, die Messe, der Podcast. Auch wenn sie sich nicht immer sicher war, dass sie es kann, sie sagte Ja, bevor sie lange genug nachdenken konnte, um Nein zu sagen.
Die Entscheidung
Es gab einen Punkt, an dem Jasmin ihr Thema aufgeben wollte. Sie stand vor Stefy (ihre Co-Founderin) und sagte, sie wolle das nicht mehr machen. Jeder sehe Gamification anders, jeder habe eine Meinung dazu, und sie wollte nicht länger auf Points, Badges und Leaderboards reduziert werden. Stefy sagte nur: "Aber das bist du doch gar nicht."
Sie hatte recht. Jasmin weigerte sich, daraus Game Changing oder Game Thinking zu machen, nur damit es gefälliger klingt. Sie blieb bei dem Wort, das sie am meisten triggerte, und veränderte stattdessen, wie sie es erklärt.
Das war der Moment, an dem ihr klar wurde: Sichtbarkeit ist nicht gleich Relevanz. Sie ist nicht relevant, weil sie sichtbar ist. Sie ist relevant, weil sie sich ihre Relevanz über ihr Thema erarbeitet hat.
Später kam der Punkt, an dem sie sich entscheiden musste: das Thema oder die Karriere. Wäre sie geblieben, hätte sie mehr verdient als ein Chefchirurg. Aber die Frage war nie das Gehalt. Die Frage war: Kann sie dieses Thema gehen lassen?
Die Antwort war Nein. Also setzte sie alles auf eine Karte.
Du bist nicht deine Marke
Für Jasmin geht es nicht darum, man selbst zu sein. Es geht darum, Rollen einzunehmen. Sie ist der Geek, der Nerd, die Philosophin, die Unternehmerin, je nachdem, mit wem sie gerade spricht. Die Rollen sind nicht immer sauber getrennt, weil sie immer noch ein Mensch ist. Aber sie hat sich bewusst gemacht, welche Rollen sie überhaupt einnimmt.
Das hat ihr niemand gesagt, als sie anfing: Man hat nicht nur ein Thema für eine Zielgruppe. Man hat unterschiedliche Rollen für unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Ansprachen, unterschiedliches Marketing. Wer einem erzählt, man müsse sich auf eine einzige Rolle reduzieren, verkauft eine Lüge – meistens, um einem danach zu sagen, man müsse noch tiefer graben, weil es nicht funktioniert hat.
Warum es wehtun darf
Zwölf Jahre hat Jasmin gebraucht, um einen einzigen Satz sagen zu können: "Wenn du ein Gamer, ein Nerd, ein Geek oder ein Anime Lover bist, dann bist du genau richtig hier. Hi, ich bin Jay und eigentlich berate ich Unternehmen im Bereich Gaming und Nerdtum". Das war kein Zufall und kein Glück. Das war eine Entscheidung, jeden Tag aufs Neue getroffen. Egal ob es regnete oder die Sonne schien. Egal ob sie das Thema gerade liebte oder hasste wie die Pest. Egal ob sie mit anderen darüber gestritten hat, bis es wirklich schwierig wurde.
Nur weil etwas schwierig ist, heisst das nicht, dass es falsch ist.
Ihren Platz hat Jasmin nicht gefunden. Sie hat sich für ihn entschieden. Und das ist der Unterschied, den ihr niemand vorher erklärt hat: Man muss sich nicht auf die Suche machen. Man muss nur bereit sein, sich jeden Tag neu zu entscheiden, für ein Thema, das man liebt wie eine Beziehung. Nicht immer leicht. Nicht immer Gummibärchen. Aber unkopierbar.
"Verlieb dich in dein Thema", sagt Jasmin. "Es darf gross sein."
Disclaimer: Dieser Artikel ist aus Jasmins Masterclass im ICONICS CIRCLE entstanden, unsere Membership für alle, die tiefer einsteigen und persönlich sowie beruflich wachsen wollen (Member werden). Du möchtest dein eigenes Know-how mit unseren Membern teilen? Melde dich direkt bei uns.
