Workfluencer: Die nächste Influencer-Generation kommt aus dem Berufsleben

Workfluencer erobern die digitale Öffentlichkeit. Besonders stark wächst das Phänomen in Cybersecurity, Softwareentwicklung und anderen Fachgebieten. Was hinter dem Begriff steckt, warum Unternehmen aufhorchen sollten und weshalb berufliche Expertise zur neuen wirtschaftlichen Währung werden könnte.

Die nächste Influencer-Generation arbeitet

Sie entwickeln Software, analysieren Cyberangriffe, Unterrichten an Hochschulen, arbeiten in Forschungslaboren oder führen Unternehmen. Und nach Feierabend? Erzählen sie anderen Menschen davon. Ihr Ziel ist nicht ungbedingt Influencer zu werden. Aber sie haben etwas zu erzählen, das andere interessiert.

Was früher vielleicht nur in Fachgesprächen, an Konferenzen oder innerhalb eines Unternehmens diskutiert wurde, findet heute auf LinkedIn, YouTube, Instagram und TikTok ein Publikum. Manche dieser Menschen erreichen Tausende, andere Hunderttausende. Sie werden zu Veranstaltungen eingeladen, erhalten Kooperationsanfragen oder entwickeln aus ihrer beruflichen Expertise zusätzliche Einnahmequellen.

Die Wirtschaft hat inzwischen einen Begriff für dieses Phänomen: Workfluencer.

Und ausgerechnet in Branchen, die bislang nicht unbedingt als Hochburgen der Influencer Economy galten, wächst ihre Zahl besonders schnell.

Was ist ein Workfluencer?

Ein Workfluencer ist eine Person, die aus ihrem beruflichen Alltag, ihrer Fachkompetenz oder ihrer Branchenkenntnis heraus eine eigene öffentliche Präsenz aufbaut und dadurch Einfluss innerhalb oder ausserhalb ihres beruflichen Umfelds gewinnt.

Im Mittelpunkt steht nicht zwingend das Unternehmen, für das sie arbeitet, und auch nicht unbedingt ein Produkt, das sie verkaufen möchte. Im Mittelpunkt steht ihre berufliche Perspektive.

Ein Softwareentwickler erklärt, weshalb eine bestimmte Technologie die Branche verändern könnte. Eine Forscherin zeigt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen. Ein Lehrer spricht über die Herausforderungen des Bildungssystems. Eine Ingenieurin nimmt ihr Publikum mit in die Welt industrieller Innovation.

Das Entscheidende: Diese Menschen üben ihren Beruf weiterhin aus. Ihre öffentliche Präsenz entsteht aus ihrer tatsächlichen Arbeit und Erfahrung.

Workfluencing beschreibt damit keine neue Berufsbezeichnung im klassischen Sinn. Es ist eine Form beruflicher Öffentlichkeit. Und diese kann ganz unterschiedliche Ziele verfolgen: Wissen vermitteln, berufliche Kontakte aufbauen, Diskussionen anstossen, Karrierechancen eröffnen oder zusätzliche Einnahmen ermöglichen.

Die Zahlen zeigen, wo der Trend besonders stark wächst.

Laut Zahlen, die LinkedIn im Oktober 2026 gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Fortune genannt hat, ist die Zahl der Creator auf der Plattform seit 2024 um 60 Prozent gestiegen.

83 Prozent der betrachteten Workfluencers üben weiterhin einen regulären Beruf aus. Noch interessanter ist allerdings die Entwicklung innerhalb einzelner Berufsfelder.

Wachstum der Workfluencer-Aktivität innerhalb von zwei Jahren, laut LinkedIn:

Berufsfeld

Wachstum

Computer- und Netzwerksicherheit

+128 %

Softwareentwicklung

+117 %

Sport

+115 %

Kapitalmärkte

+112 %

Diese Zahlen zeigen das relative Wachstum innerhalb der jeweiligen Kategorien auf LinkedIn. Sie sind weder Marktanteile noch ein Ranking der Branchen mit den meisten Workfluencers. Auch lassen sie sich nicht ohne Weiteres auf die Schweiz oder den gesamten DACH-Raum übertragen.Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert.

Ausgerechnet Cybersecurity und Softwareentwicklung gehören zu den Berufsfeldern mit den stärksten Zuwächsen. Bereiche also, in denen Fachkompetenz, technologische Entwicklungen und komplexe Fragestellungen den Arbeitsalltag bestimmen. Das könnte auf eine grundlegend neue Rolle beruflicher Expertise innerhalb der Creator Economy hindeuten.

Warum gerade Technologieberufe?

Die Antwort könnte mit einer Entwicklung zusammenhängen, die weit über Social Media hinausgeht: Technologie wird immer relevanter für unseren Alltag. Gleichzeitig wird sie immer komplexer. Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsprozesse. Cybersecurity wird zur strategischen Herausforderung. Software ist längst nicht mehr ausschliesslich ein Thema für IT-Abteilungen. Und industrielle Innovationen beeinflussen ganze Wertschöpfungsketten.

Damit steigt auch der Bedarf an Menschen, die diese Entwicklungen verständlich machen können. Wer selbst in einer Branche arbeitet, besitzt dabei einen besonderen Vorteil: unmittelbare Erfahrung.

Ein Cybersecurity-Experte kann erklären, weshalb eine neue Angriffsmethode relevant ist. Eine Softwareentwicklerin kann zeigen, wie sich die Arbeit mit KI verändert. Ein Ingenieur kann vermitteln, weshalb eine technische Innovation faszinierend ist, lange bevor sie in der breiten Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erhält.

Die Expertise existiert bereits. Neu ist, dass sie ein eigenes Publikum erreichen kann. Nicht jeder Experte wird dadurch automatisch zum Influencer. Aber immer mehr Experten erhalten die Möglichkeit, über ihren unmittelbaren Arbeitsplatz hinaus Einfluss zu entwickeln.

Workfluencer, Influencer, Content Creator: Wo liegt der Unterschied?

Die Begriffe werden häufig synonym verwendet. Tatsächlich beschreiben sie unterschiedliche Aspekte digitaler Öffentlichkeit.

Ein Content Creator produziert Inhalte. Das können Videos, Texte, Podcasts, Fotografien oder andere Medienformate sein. Der Begriff beschreibt zunächst die Tätigkeit, nicht die berufliche Herkunft oder das Geschäftsmodell.

Ein Influencer besitzt die Fähigkeit, durch seine öffentliche Präsenz, Glaubwürdigkeit und Beziehung zu einem Publikum Meinungen, Interessen oder Entscheidungen zu beeinflussen. Diese Wirkung kann kommerziell genutzt werden, beispielsweise durch Markenpartnerschaften.

Ein Workfluencer gewinnt seine öffentliche Relevanz wesentlich aus seiner beruflichen Tätigkeit oder Fachkompetenz. Seine Inhalte beziehen sich auf den Beruf, die Branche, den Arbeitsalltag oder damit verbundene Fragestellungen. Eine kommerzielle Absicht ist dafür nicht erforderlich.

Ein Corporate Influencer macht seine Expertise oder Perspektive im Zusammenhang mit einem bestimmten Unternehmen sichtbar. Seine Kommunikation kann zur Reputation, Arbeitgeberattraktivität oder Geschäftsentwicklung dieser Organisation beitragen.

Die Grenzen sind fliessend. Eine Softwareentwicklerin kann gleichzeitig Content Creator und Workfluencer sein. Spricht sie im Rahmen eines Unternehmensprogramms auch über ihren Arbeitgeber, übernimmt sie zusätzlich eine Corporate-Influencer-Rolle. Geht sie bezahlte Kooperationen ein, kann sie ebenso als Influencer tätig sein.

Der Unterschied liegt also nicht zwingend in der Person oder im verwendeten Kanal, sondern in der Funktion ihrer öffentlichen Präsenz.

Workfluencing entsteht aus dem Beruf. Corporate Influencing verbindet persönliche Sichtbarkeit mit Unternehmensinteressen. Influencing beschreibt die Wirkung auf ein Publikum. Content Creation beschreibt die Produktion der Inhalte.

Die neue wirtschaftliche Unabhängigkeit der Experten

Workfluencing ist allerdings nicht nur ein Kommunikationsphänomen. Es kann auch wirtschaftliche Folgen haben.

LinkedIn-CEO Daniel Shapero berichtete gegenüber Fortune, dass einzelne Workfluencers bereits Markenkooperationen im Wert von mehreren Hundert bis zu Zehntausenden US-Dollar abschliessen. Dabei handelt es sich um Beispiele, nicht um typische oder garantierte Verdienstmöglichkeiten. Die wirtschaftlichen Chancen reichen ohnehin weit über bezahlte Beiträge hinaus.

Ein Experte kann durch seine öffentliche Präsenz Einladungen zu Vorträgen erhalten. Eine Fachperson kann neue Beratungsmandate gewinnen. Eine Forscherin kann Partnerschaften mit Unternehmen aufbauen. Ein Entwickler kann aus einem konkreten Problem ein eigenes Softwareprodukt entwickeln.

Die persönliche Sichtbarkeit schafft neue Zugänge zu Märkten, Menschen und Möglichkeiten. Damit verändert sich auch das Verhältnis zwischen beruflicher Expertise und wirtschaftlicher Wertschöpfung. Denn ein Mensch kann zunehmend Einfluss aufbauen, ohne dafür zuerst eine Führungsposition, eine eigene Firma oder ein grosses Medienunternehmen zu benötigen. Seine berufliche Kompetenz wird öffentlich sichtbar, und dadurch möglicherweise auch wirtschaftlich eigenständig relevant.

Eine Chance für Unternehmen. Und eine unbequeme Frage.

Für Arbeitgeber kann diese Entwicklung ausgesprochen wertvoll sein. Menschen vertrauen anderen Menschen häufig auf eine andere Weise als abstrakten Unternehmensmarken.

Ein Ingenieur, der mit Begeisterung über seine Arbeit spricht, kann ein Unternehmen greifbarer machen als eine klassische Produktkampagne. Eine Mitarbeiterin, die authentisch Einblicke in ihre Branche gibt, kann potenziellen Bewerbern eine Perspektive vermitteln, die eine Stellenanzeige kaum bieten kann.Und ein Experte, der komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt, kann Vertrauen bei Kunden und Geschäftspartnern aufbauen.

Aber die Entwicklung wirft auch Fragen auf.

Was passiert, wenn die persönliche Marke eines Mitarbeitenden grösser wird als seine Rolle innerhalb des Unternehmens? Darf er bezahlte Kooperationen eingehen? Wie werden Interessenkonflikte behandelt? Welche Informationen dürfen öffentlich geteilt werden? Und wem gehören Inhalte, Methoden oder Formate, die während eines Arbeitsverhältnisses entstehen?

Diese Fragen lassen sich nicht pauschal beantworten. Sie hängen unter anderem von Arbeitsverträgen, Vertraulichkeitspflichten, Urheberrechten und der konkreten Zusammenarbeit ab. Gerade in technologieintensiven Branchen, in denen Wissen einen erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzt, werden solche Fragen zunehmend relevant.

Unternehmen stehen damit vor einer strategischen Entscheidung: Möchten sie die Sichtbarkeit ihrer Mitarbeitenden kontrollieren oder Rahmenbedingungen schaffen, unter denen beide Seiten davon profitieren können?

Warum die Industrie besonders interessant werden könnte

Die aktuellen Wachstumszahlen belegen vor allem die Dynamik in Cybersecurity und Softwareentwicklung. Für die gesamte Industrie liegen aus derselben Erhebung keine vergleichbaren Wachstumszahlen vor.

Dennoch gibt es gute Gründe, weshalb Workfluencing gerade für Industrieunternehmen interessant werden könnte. Viele dieser Unternehmen verfügen über aussergewöhnliche Fachkompetenz, die ausserhalb ihrer Organisation kaum wahrgenommen wird.

Sie entwickeln Technologien, optimieren Produktionsprozesse, lösen hochkomplexe Probleme und arbeiten an Innovationen, die unseren Alltag beeinflussen. Aber die Menschen hinter diesen Entwicklungen bleiben häufig unsichtbar. Das könnte sich verändern.

Ein Maschinenbauunternehmen muss nicht zwangsläufig auf unterhaltsame Kurzvideos setzen, um relevant zu werden. Vielleicht besitzt es Mitarbeitende, die erklären können, weshalb eine bestimmte technische Entwicklung die Branche verändert.

Oder Forschende, die zeigen, wie aus einer Idee ein marktfähiges Produkt entsteht. Oder Führungskräfte, die offen über Herausforderungen sprechen, vor denen die gesamte Industrie steht. Solche Perspektiven können wirtschaftlich interessant sein, gerade weil sie spezifisch sind.

Im B2B entscheiden oft nicht Millionen Menschen über einen Kauf, sondern vergleichsweise kleine Gruppen mit konkreten fachlichen und wirtschaftlichen Anforderungen. Deshalb kann eine kleine, hochrelevante Öffentlichkeit unter bestimmten Bedingungen wertvoller sein als eine grosse, aber wenig passende Reichweite.

Die nächste grosse Creator-Chance der Industrie liegt weniger darin, Mitarbeitende zu Influencern auszubilden, und vielmehr, Menschen sichtbar zu machen, deren Expertise schon heute aussergewöhnlich ist.

Die nächste Creator Economy beginnt am Arbeitsplatz.

Die Creator Economy wurde lange mit Unterhaltung, Lifestyle und reichweitenstarken Persönlichkeiten verbunden. Doch ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten reichen inzwischen weit darüber hinaus. Menschen aus Wissenschaft, Technologie, Bildung und Wirtschaft beginnen, ihre berufliche Expertise öffentlich zu vermitteln. Sie schaffen neue Beziehungen zwischen Fachwissen und Öffentlichkeit, zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitenden, und zwischen beruflicher Identität und eigenständiger wirtschaftlicher Entwicklung.

Für Unternehmen entsteht daraus die Chance, ihre vorhandene Expertise sichtbarer zu machen. Für Fachpersonen eröffnen sich neue Möglichkeiten, Einfluss aufzubauen und ihre berufliche Zukunft selbst mitzugestalten. Und für die Creator Economy könnte damit eine neue Entwicklungsphase beginnen.

Die interessantesten Creator der kommenden Jahre werden nicht diejenigen sein, die gelernt haben, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es werden diejenigen, die etwas verstehen, das andere Menschen verstehen möchten.

Denn manchmal braucht es nur eine neue Öffentlichkeit für die Expertise, die längst existiert.

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Expertise verdient mehr als einen Platz im Organigramm. Sie verdient Sichtbarkeit.

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